Zur Entstehungsgeschichte und zum Inhalt
Lediglich drei Monate hatte ich Zeit für einen Text, der rechtzeitig zum Januar 2010 fertig sein musste, damit er noch ins Rumänische übersetzt und publiziert werden konnte, und zwar im Honterus Verlag.
Erster Wurf
Aber das will nicht heißen, dass das Buch nur eine Skizze, ein Entwurf ist. Ich bin hier, um meiner schriftstellerischen Tätigkeit nachzugehen, d. h. um an meinem Roman und einen Text für eine Publikation zu schreiben. Und ich habe die erste Hälfte (und darüber hinaus) hauptsächlich für diesen Text verwendet, die restliche Zeit wollte ich dann überwiegend meinem Roman widmen. In meinem Vertrag steht, bis 1. Jan., aber ich hatte bis 17. Januar Zeit und dann noch etwa einen Monat, um die Fotos auszuwählen und im Text zu platzieren.
Hätte ich mehr Zeit gehabt, wäre das Buch nicht unbedingt besser geworden, wenn man Goethe Glauben schenkt, der sagte:
„Ich habe daraus gelernt, wie ein Autor durch eine zweite veränderte Ausgabe seiner Geschichte, und wenn sie poetisch noch so besser geworden wäre, notwendig seinem Buche schaden muss.“
Augen haben, große Augen, tägliche Augen, neugierige Augen
Schon in meinen Ankunftstagen bin ich ausgiebig durch das oft noch sehr hochsommerliche Hermannstadt gestreift und habe Fotos über Fotos gemacht. Die Lust dazu kam mich unwiderstehlich an. Die Stadt ist nicht totsaniert, die Fassaden nicht glatt und makellos, stumm und steril.
Augen für die Stadt zu haben, große Augen, tägliche Augen, neugierige Augen war ein stimmiges Tun, das auf Gegenseitigkeit beruhte: Die Stadt schaut mich an mit ihren Dachaugen, ich schau die Stadt zurück an mit meinen Augen einer Fremden - ich schau zurück und nehme wahr, nehme auf, im doppelten Wortsinn: absorbiere und mache Fotos. Und es sind nicht nur die Dachaugen, die mich anschauen.
Mein Sehsinn war vornehmlich angesprochen. War es für Krakau, wo ich kurz zuvor fünf Monate mit einem Residenzstipendium lebte, der Tastsinn, so sollte es für Hermannstadt der Sehsinn sein.
Beim ersten frischen Eindruck bleiben, sich nicht verzetteln
Das war einer der Impulse, die ich hier bekommen haben und von denen ich ausgegangen bin. Ich wusste, ich würde tausend Impulse bekommen und mich leicht verlieren, würde ich allen Anregungen nachgehen. Deswegen wollte ich ganz bewusst bei meinen ersten frischen Eindrücken bleiben: die Dachaugen und die bunten glasierten Dachziegel. Wie ich während meines Kunstgeschichtestudiums lernte – bei der Auslegung eines Gemäldes oder beim Aktzeichnen -, sollte man bei einem ersten frischen Eindruck bleiben.
Mit dem Fotografieren hat es auch noch eine andere Bewandtnis: Ich wollte mich dazu anhalten, die Stadt intensiv wahrzunehmen, mit dem Sehsinn. Mein Foto-Ordner zählt mittlerweile 2500 Objekte, allerdings auch Kopien und Bearbeitungen. Das bedeutet im Schnitt fast 20 Fotos am Tag.
Ich habe Aufzeichnungen zu den Fotos gemacht und mit zahlreichen Fotos ist schließlich auch das Buch ausgestattet. Bis auf ein Foto aus Avrig sind sie alle in Hermannstadt gemacht worden. Es sind bewusst „nicht touristische“ Fotos. Ich gerieten zwar unweigerlich auch die touristischen Magnete – der Große Ring, die Pfempflingerstiege – vor die Linse, aber absichtslos nahm ich an diesen allzu bekannten Orten nicht nicht die schon tausendmal abgelichteten Prachtmotive auf.
Die größere Kunst war es dann, aus den zahlreichen Fotos und Aufzeichnungen auszuwählen, sodass ein in sich abgerundeter Text entstand.
Genre
Fraglos ist der Text eine Hommage an Hermannstadt. Diese Genrebezeichnung trifft ohne Einschränkung zu. Das Buch ist kein Journal. Ich gehen lediglich von tagebuchartigen Aufzeichnungen aus, gehe aber immer wieder über in Fiktion. Eine Miniaturerzählung ist in ihn eingebaut. Der Text schwebt zwischen Realität und Fiktion und Realität.
Poetische Überhöhung / Sublimierung
Drei literarische Figuren sind mir aus Hermannstädter Boden entgegengewachsen: Ruxandra, mein literarisches Alter Ego, ihr Freund Milán, ein Halbungar in Berlin, und ein Herr Hermann S. von Badecker (mit "ck" wie Samuel von Brukenthal eigentlich sich mit "ck" schreib), eine Schlüsselfigur für meinen Zugang zu Hermannstadt, in Hermannstadt geboren, mit einer Rumänin verheiratet, wie der Bürgermeister. Die vier wichtigsten Menschen für Hermannstadt sind wohl ihr Grüner Hermann, Samuel von Brukenthal, der Oberbürgermeister Klaus Johannis und der Stadtpfarrer Kilian Dörr.
In dieser Figur Hermann S. von Badecker möchte ich alle möglichen Eigenschaften von allen möglichen Hermannstädtern, die ich kennenlernte, versammeln. In diesem Buch ist die Figur gerade erst eine noch kaum bearbeitete Rippe, die ich mir aus dem Leib gebrochen habe und mit Hermannstadt beschnitze. Aber ich hoffe, sie begleitet mich heim nach Berlin und findet über ihre Geburt in diesem Text hinaus ein ausführlicheres Leben, sei es in einem Feature, sei es in einem Romankapitel.
Leitmotive
Die Stärke meines Textes liegt – so sehe ich’s - in den Leitmotiven, darin, was für Leitmotive es sind und wie ich sie entwickle. Es sind Leitmotive, die ich nur hier in Hermannstadt habe finden können und die ich nur, weil ich hier war, so, wie ich sie entfalte, habe entfalten können. Leitmotive als Trouvailles, glückliche Funde.
Es gibt zum einen zwei Ding-Motive, zum anderen Begriffe- oder Ideen als Leitmotive, die sich durch den Text ziehen – und den Leser mitziehen mögen.
Zum einen die Dachziegel (zu sehen und zu essen), zum anderen Bücher, und zwar kostbare Bücher: kostbar im übertragenen Sinn und kostbar im nicht übertragenen Sinn: einerseits ein ramponiertes Liederbuch, mit rausgerissener Spieluhr im dicken Umschlagdeckel, aber von einem Deutsch radebrechend sprechenden Busfahrer „mit Aug drauf“ verwahrt – wie ich mit einem biblischen Ausdruck formuliere. Und andererseits und die kostbaren Werke in der Brukenthal’schen Bibliothek, Rara, vor allem die sogenannten Alba amicorum. Und dann taucht auch noch ein liturgisches Buch, ein Antiphonar auf, nicht von ungefähr in einer Stadt, in der so viele Konfessionen zusammenleben und in der täglich so viele verschiedenen Glocken die Luft, Gemüt und Knochen durchläuten.
Die nicht materiellen Leitmotive sind:
- das Wörtlein „ocupat“, das „Besetztsein“ (seien es Busse, seien es Menschen, seien es Banken auf dem Großen Ring)
- das Schaffen (schöpfen, schöpferisch sein), der Schaffner als Beruf[1], die Leinenstickerei als „Schaffnerin des Lebens“ (Emil Sigerus)
- Gefahr, was ist gefährlich (was ist lebensgefährlich, was ist seelens-gefährlich; was ist einsturzgefährdet: die Kirche?, ein Mensch?)
- die Seele (die menschliche Seele, die Auberginenseele aus einem Gedicht von Patior und wie sie meine verschiedenen Gesprächspartner deuten)
- das Glück („Mundglück“, „Kopfglück“, das Omnibus-Glück)
- die Frage nach dem Sinn, aber nicht allgemein nach dem Sinn des Lebens, das wäre vermessen (das auf dem kleinen Raum eines Stadtschreiberbuchs abhandeln zu wollen), sondern nach dem Sinn von Oskar-Pastior-Gedichten, wobei ich mich auf wenige Gedichte beschränke (zu Harmonie du soir, von Charles Baudelaire) und mich auch Frage, wie wichtig und notwendig es ist, Pastior zu „verstehen“, und was verstehen heißen kann
- Kommunikation (wann gelingt ein Gespräch? Kann ein Gespräch "poetisch ansatzweise gelingen", wie es Patior dachte?)
Während ich schreibe, markiere ich mir alle Wörter, die mit meinen Leitmotiven zu tun haben, violett. Aber im gedruckten Buch sind sie alle Lettern uniform. Das heißt, ich mache sie mir bewusst, damit ich sie nicht vergesse, mich auf sie konzentriere und nicht etwa Passagen, in denen sie vorkommen, lösche. Sie tauchten einmal auf, als Kandidaten für Leitmotive, dann blieben sie und reiften oder verblassten auch wieder.
Ein Beispiel: Der Glanz: bezieht sich zum einen auf die Glasur der Dachziegel, zum anderen auch auf das Fett der Dachziegel genannten Fettbrote, verweist aber auch auf den Diebstahl, nur subtil, aber der Gedanke an die Elster, die glänzende Objekte stiehlt, ist nicht fehl am Platz. Der Gedanke, Dachziegel stehlen gehen zu wollen (wie Pferde stehlen zu gehen, das heißt, mit jemandem, auf den Verlass ist, auch einmal etwas Verrücktes, Außergewöhnliches machen können), kommt also nicht von ungefähr, der Bogen zum Stehlen, zum Diebstahl liegt im Glanz der Dachziegel und auf Objekte, die glitzern und glänzen, hat es die Elster abgesehen, der diebische Vogel (wieder ein Vogel) per se, abgesehen – man beachte auch das Wort: ab – sehen. Das nur als Beispiel dafür, wie ein Leitmotiv seine kaum sichtbaren Fäden zieht.
Da meine Leitmotive nicht mit dem Zaunpfahl winken, wünsche ich mir Leser, die den Text in einem Zug zu lesen, damit Ihnen das Leitmotivgeflecht auch bewusst wird und sie ihre Freude daran haben. Ich vertraue darauf, dass diese Wirkung eintritt, weil ich Aristoteles vertraue: Wiedererkennen ruft im Menschen ästhetisches Vergnügen hervor. Das habe ich während meines Kunstgeschichtestudiums gelernt und es blieb über Jahrzehnte in meinem Gedächtnis. Aristoteles führt das in seiner Nikomachi’schen Poetik aus.
Meine Leitmotive tauchen immer wieder auf, aber subtil, nicht exzessiv; ich wollte nicht – wie gesagt - mit dem Zaunpfahl winken und rufen: Liebe Leserin, lieber Leser, schau und bemerke und nicke sie/er ganz angetan, hier taucht das Leitmotiv Numero so und so wieder auf. Die Leitmotive zur Kenntlichmachung kursiv zu setzen hätte das Schriftbild zu unruhig gemacht. Auch scheint es mir nicht nötig, da ich meine Leser für aufmerksam genug halte.
Wie die Welt einen so zu schreiben beliebt
Ich habe keinen Plot im Vorhinein konstruiert. Nichts ausgetüftelt. Wann immer ich einer Geschichte anmerke, dass ein Erzählbaustein erfunden ist, weil es der Handlung dient, schüttle ich den Kopf, bin ich für den Text verloren. Was sich an Geschichte ergeben hat, hat sich mir von selbst erzählt. Das gehört zu meinem Metier, so wie ich es verstehe und lebe: Man weiß als Schriftsteller nicht im Vorhinein, wie die Welt einen zu schreiben beliebt und wie sie mich hier in Hermannstadt so schrieb, das konnte - geschweige denn wollte - und mir nicht ausmalen. Die Welt ist ein Überraschungsgott, um ein schönes Wort von Eginald Schlattner ("Überrraschungsgott") nicht nur einmal gesagt gewesen sein lassen.
Kapitel 0 ist kein banales, aber ein völlig unspektakuläres alltägliches Ereignis. Ich bin nicht überfallen worden (das ist mir in London und Paris passiert, zweimal im Leben reicht, finde ich, darüber habe ich in meinem Debütroman geschrieben, einmal ist genug). Ich bin nicht getrampt in einem Lastwagen mit Hilfsgütern für Taiti, in dessen Bremsanlage Rauschgift geschmuggelt wurde. Ich bin nicht auf verreisten Gehwegen gestürzt, habe mir kein Bein gebrochen und bin nicht in ein hiesiges Krankenhaus eingeliefert worden. Mir ist keine herabsausende Steinfigur knapp am Kopf vorbei zu Boden gesaust.
Folgende völlig flüchte Begebenheit – Ereignis wäre schon zu viel gesagt, streng genommen ist es eher ein Nicht-Ereignis als ein Ereignis – wollte ich festhalten, es hatte gerade wegen seiner Flüchtigkeit, Nicht-Greifbarkeit, angeblichen Banalität seinen Reiz. Ich setze mich damit ganz bewusst in Gegensatz zu der Ereignis-und-Eventkultur, die im Fernsehen so exzessiv zelebriert wird.
Das Nicht-Ereignis also: Ich stehe mitten in Hermannstadt, schaue hoch zur Kirche, freue mich an den bunten glasierten Dachziegeln und ein Passant geht lautlos und für mich unsichtbar vorbei.
Ein Kritiker schrieb einmal, ich würde einen lyrischen Zentimeter über der Wirklichkeit schweben. Das finde ich zutreffend. Möchte aber hinzufügen: Nur einen Zentimeter, nicht so weit oben, dass man mir nicht mehr folgen könnte. Man braucht sich nur auf die Zehenspitzen zu stellen, nicht mehr verlange ich meinen Lesern ab, und dann kann man mir folgen. Ich hebe nicht ab, bin nicht „abgespaced“.
Die poetische Überhöhung von alltäglichen Wahrnehmungen, darum ist es mir zu tun. Ich bin nicht hier als Statistikerin, die feststellen möchte: so und so viel Prozent der Hermannstädter kennen den Ausdruck „Dachziegel“ für eine besondere Art von Fettbroten. Ich bin nicht hier als Gesundheitsministerin um zu sagen: Fettbrote sind aber gar nicht gesund. Nich als Diplomatin, Politikerin, Beraterin der Regierung, um in Sachen Steuer auf Junk-Food Ratschläge zu erteilen.
Etwas, was ich „Etwas gewisses Hermannstädtische“ nenne, ist in meinem Text latent vorhanden. Etwas gewisses Siebenbürgisches und etwas gewisses Rumänisches sind Teil davon, mehr als man auf den ersten Blick vermuten mag. Fast jedes Wort trägt den Stempel „Hermannstadt“.
Ich könnte zum Beispiel schreiben: Berlin ist eine anonyme Großstadt, Hermannstadt ist ein Dorf, ist keine anonyme Großstadt, in Hermannstadt kennt jeder jeden, das ist zumindest eine gefühlte Tatsache. Ich schreibe: Herr Badecker nimmt gern die großen Plätze querplatzein (geprägt nach „querfeldein“). Warum? Weil er so bekannt ist, dass er sonst ständig jemanden begrüßen müsste, in ein Gespräch einsteigen müsste.
In den Wörtern, aber auch in den Fotos, allesamt in Hermannstadt gemacht (bis auf zwei in Avrig) ist etwas gewisses Hermannstädtisches präsent. Ein Beispiel: Charakteristisch erscheint mir für die Lebensweise hier eine gewisse Findigkeit. Dazu habe ich auch eine Fotoserie gemacht, für die aber in dem Büchlein kein Raum mehr war.
Frau Ungar bestätigte mir diesen Eindruck, indem Sie auf Ihre Rubrik, Improvisation in der europäischen Union hinwies. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein kleines Podest vor einem Bankautomaten, auf dem man sich ein altes Mütterchen vorstellt.
Was ich noch erzählt bekam: Buchwürmer, denen man mit der Luftpumpe zu Leibe rückt. Spiegeleier, die auf einem Bügeleisen gebraten werden, Maiskuchen, der mit einem FAden geschnitten wird, ein Backenzahn als Klingelknopf für ein Zahnlabor als Findigkeit mit Witz.
Kap 0
Der Titel von Kapitel 0 lautet "Dachziegel fett und bunt glasiert" - ohne Komma nach Dachziegel, weil es poetisch ist ohne Komma – gebildet nach dem Muster von Röslein rot -, und auch gebildet nach dem Muster von kulinarischen Bezeichnungen für Gerichte, Forelle bleu etwa. Dachziegel als Augenschmaus.
Im Auftaktkapitel, im Null-Kapitel, ist die Zeit stehen geblieben, „aufgehoben“ im doppelten Wortsinn. Und diese Null taucht später wieder auf, und zwar in einem Wort aus einem Gedicht von Oskar Pastior: "O Zero Osero". In seinem Gedicht "O-Ton Automne - Linguistikherbst", das mir als Inspirationsquelle für mein Hermannstadt von 5 Monaten diente, kommt dieses Wort vor.
Dieses Gedicht musste meine Aufmerksamkeit erregen, weil ich als Autorin künstlerischer Feature mit O-Tönen arbeite und dieses Gedicht den Titel „O-Ton“ und „automne“ trägt, also das französische Wort für „Herbst“, und die Jahreszeit ist, in der ich in Hermannstadt ankam.
O-Ton „Automne“ – Linguistikherbst
O-Ton „Automne“ – Linguistikherbst
Stick Harwest/ Osenj/ Toamna/ Stick
Stick Lippstick Nota Bene – heu
was da abwest im Dümpel-Sermon:
Zero – Phonem
Der Kürbis wächst
In Eros-Hemden sensen
Tristia
Trestia
Deltageflecht
Da ist („Kusnejtschik/ Zinziwer“) Synopsis
von Kolchis her ergangen:
Seerosensee/ Seerosenbucht
Ost-West-Phantom
Ovids Metamorphosen
am Bösendorfer Luch
Die Semaphoren morsen:
“noch steht es zahn / um haaresbrei
an topf und hasen / geht es wald
das jahr es jährt / sich horn und hin“
O Zero Osero – der See
Rien ne va plus – O Zero Stick
O Lambda Entengrütze Haarnest Fälfä
hilf Schilf
heu Schelf
O – Ton
Automne
mir ist rosident phantom
Semiramis / Sorbonne / Sa-Um-Weh
Hermannstädtische Oh!-Töne, schwebt mir als Arbeits-Untertitel für eine Funksendung vor.
Im „Osero“ klingt oser an - das französische Wort wagen. Und da sitzt er mir nun schon wieder mitten im Herz, Oskar Pastior, der Untote, sein Geist, denn: Wer wollte was mit der Kunst haben, der nichts wagte?
Und im "o" sehe man ruhig die Verbbeugungsendung für die erste Person, außerdem Zukunft im "r".
Sehe man also diese Hintergründe und nicht, dass ich meckere:
Die Kirchturmuhr geht nicht!!!!
Dieses vermaledeite Hermannstadt funktioniert nicht!!!
Das geht nicht!!!
Ich geh!!!
Nein, das doch nicht. Wer bin ich denn? Ich bin kein Meckermaul. So doch nicht! Dazu ist mir auch meine Zeit hier zu schade.
Die Tatsache, dass ich versucht habe, einem im Chor singenden Busfahrer etwas vorzusingen, ist eine Episode, die ich schwerlich in Berlin hätte erfinden können. Einen Überfall kann jeder erfinden, aber die Busfahrerepisode wohl nicht. Es ist keine spektakuläre Begebenheit, aber bezeugt mein Dagewesensein im Sinne von Herta Müller. Auf dem größten Schatz steht: Da war ich. Dreifach zu verstehen: DA war ich. Oder: Da WAR ich. Oder: Da war ICH
Kapitel 1
Ein zweiter wichtiger Impuls, den ich hier bekommen habe, war die Frage, was denn ein Stadtschreiber sei. Deswegen erzähle ich im Kapitel 1, was eine Stadtschreiberin ist, wie ich als Autorin lebe, was ein Feature ist, ein innovatives, hier nicht so bekanntes spannendes Radioformat.
Besonders bei Deutschlandradio werden literarische Features geschätzt. Das kommt mir zupass, bin ich doch Germanistin. Deswegen überlegte ich mir, welchen Autor ich am besten auswählen sollte. Ich muss da auch das Publikum in Deutschland vor Augen haben: Oskar Pastior? Ja. Hier geboren. Büchnerpreisträger und dann hat Herta Müller für Ihre Pastior-„Biographie“ im Oktober, als ich hier anfing zu leben, den Nobelpreis bekommen hat. In dem Buch lebt sehr viel Oskar Pastior.
Herta Müller habe ich auch ganz bewusst immer zitiert, weil sie in der deutschen Öffentlichkeit wichtiger geworden ist durch den Nobelpreis, den sie im Oktober 2009 bekommen hat.
Kap. 2
Das zweite Kapitel heißt „Erste Augenblicke“. Die Dachaugen fielen mir ins Auge. Ich wollte sie aber nicht so wahrnehmen, wie sie x Menschen vor mir wahrgenommen haben, sondern anders. Wie anders, davon vermittelt einen Eindruck die Auswahl der Fotos, die Eingang in das Buch gefunden haben: Blümchendachaugen vs. Gebrochene Augen, Dachaugen die Stielaugen machen (Rohr ragt hervor), Dachaugen mit Weiß im Auge (Satellitenschüssel) vs. Schwarz im Augen des Diktators in Herta Müllers Werk; Dachaugen mit Schlafdreck im Auge.
Und dann: Kontrast zwischen der menschlichen Anmutung, die die Stadt für mich hat, und dem Eindruck einer Reihe von Hermannstädtern, die aus diesen Augen noch die Gewehrmündungen auf sie gerichtet sehen.
Diese Überlegungen führen zu gegenwärtigen aktuellen Beobachteraugen, nämlich denen in den Geschäften und dem Diebstahl, der hier anders gesehen wird als in meinem Land.
Kapitel 3
Das dritte Kapitel trägt den Titel „An den sanften Biegungen der Gassen“. Ich wollte etwas wahrnehmen, was eigentümlich für ein er-spaziertes Hermannstadt ist. Das sind die sanft geschwungenen Gassen. Ich war kurz zuvor in Krakau und Krakau hat als Grundriss ein Schachbrettmuster, deswegen fiel mir das wohl besonders auf. Eigenartigerweise habe ich mich in Krakaus Innenstadt verlaufen, hier in Hermannstadt nie.
Und als Mittelpunkt die evangelische Kirche – und auch Häuserfassaden in kecken Fassadenfarben, bonbonsüß, neonleuchtend, schockierend, krass fröhlich, wie immer man diese Farben bezeichnen mag. Auch dazu habe ich eine ganze Serie von Fotos in meinem Ordner Fassaden, die ich auch noch auf meinem Blog veröffentlichen möchte.
Kapitel 4
Kapitel 4 hat den Titel „Alba amicorum – Poesiealben – Facebook“.
Mit dieser Leitmotivkette schlage ich zwei gewaltige Bögen: aus der Reformationszeit bis in meine Kindheit bis hinein in die unmittelbare Gegenwart. Alles sind Freundschaftalben, um das hier verkürzt gesagt im Raum stehen zu lassen.
Kap. 5 heißt „Das Leben ist oder Ruf deines Nerztalers“
Im Mittelpunkt von Kapitel 5 steht ein Zitat von Herta Müllers – Das Leben ist ein F... in der Laterne, das vor den Kopf stößt. Niederschreiben kann ich es, aussprechen mag ich es nicht. Man lese es. Auf die Frage, worüber ich schreibe, antworte ich gerne, dass ich dem Rat möglichst zu folgen versuche: folge: Man soll nur über das schreiben, über das man nicht reden kann.
Kap 6 heißt „Pastior’sches Mundglück.
Kapitel 6 gewährt einen Einblick in meine Werkstatt als Featureautorin. Es führt vor Augen, bringt zu Gehör, wie ich versuche, den Geist Oskar Pastiors heraufzubeschwören.
Ich bitte meinen Gesprächspartner, frei und frank zu assoziieren zu Wörtern aus Gedichten von Pastior, die an Kulinarisches denken lassen. Ich führe mit einem Heimkehrer ein Mundglück-Gespräch im Geiste Pastiors – ein ausgesprochener Sprachspieler und Experimentator -, und zwar als Versuch einer poetisch ansatzweise glückenden Kommunikation.
Zwei Gesprächspartner spielen, ein jeder ein Homo ludens im Sinn von Huizinga: Ein Gott ist der Mensch, wenn er spielt (Hölderlin, wenn er träumt), macht er Ernst, braucht er Gewalt.
Sprachspiel war für Pastior gegen die ekelhaften Fertigbauteile – so drückt er sich aus – ideologischer Sprache gerichtet. Für mich: neue Sicht- und Seinsweisen eröffnen.
Vor Pastior habe ich auch erst einmal die Waffen gestreckt: Hilfe, ich verstehe ja gar nichts. Aber dann konnte ich immer mehr mit seinen Gedichten anfangen, wenn auch nicht im üblichen Sinn. Ein Prinzip seines Schreibens, das Anagrammieren, mache ich in diesem Kapitel deutlich.
Ich lasse recht viel einen Heimkehrer zu Wort kommen, nicht etwa einen Weggeher, ganz bewusst. Das kann Hermannstadt ja nur gut tun.
Und ich möchte schließen mit einem Hinweis auf dem Klappentext: Man merkt das Wichtigste: sie war sehr da, gerne und angetan. Und das setzt auch für das vermeintlich Negative ein Pluszeichen.
[1] Als Schaffner wurde ursprünglich ein Vermögensverwalter (einer Stadt, eines Hauswesens etc.) bezeichnet, als Schaffnerin die Gehilfin der Hausfrau mit Schlüsselgewalt über Küche und Keller. Zurückgehend auf Zeiten beamteter Eisenbahner wird heutzutage mit Schaffner allgemein ein Mitarbeiter des Zugpersonals, aber auch Mitarbeiter anderer öffentlicher Verkehrsunternehmen assoziiert, ohne noch eine offizielle Berufsbezeichnung zu sein (Quelle: Wikipedia).
Liebe Frau Stadtschreiberin Andra Joeckle!
AntwortenLöschenAuf diesem Wege gratuliere ich Ihnen zum Abschluss Ihres Buches, welches aus meiner Sicht optisch sehr ansprechend wirkt. Noch mehr freue ich mich aber auf die inhaltlichen Ausführungen. Auch habe ich Ihre Homepage immer gerne genossen. Ich hoffe, dass ich Ihnen wieder einmal begegnen oder von Ihnen lesen werde. Vielleicht werden Sie auch Klagenfurt am Wörthersee einmal als Stadtschreiberin beehren.
Mit schönen Grüßen Ihr Udo Puschnig
Lieber Udo Puschnig,
AntwortenLöschenich freue mich sehr, Ihnen als meinem kommentarfreudigstem Blogleser ein Widmungsexemplar endlich zuschicken zu können. Ich habe es eben auf die Post gebracht.
Beste Grüße (aus einem Nieselregen-Hermannstadt, und gerade heute will das Fernsehen mit mir einen Stadtspaziergang machen ...)
Liebe Frau Stadtschreiberin Andra Joeckle!
AntwortenLöschenAuch ich freue mich und bedanke mich, denn ich erhalte nun ein Widmungsexemplar von Ihnen und kann mehr über "Ihr Hermannstadt" lesen. Damit mir das Leitmotivgeflecht wirklich richtig bewusst wird, werde ich versuchen, das Buch in einem Zug durchlesen, so wie Sie es empfehlen. Nach Hermannstadt wünsche ich Ihnen nun eine gute "Heimkehr" nach Berlin.
Mit schönen Grüßen aus einem mittlerweile frühlingshaften und sonnigen Klagenfurt am Wörthersee Ihr Udo Puschnig
:: hei andra, habe mir nun endlich die zeit genommen, das buch am stueck zu lesen ... es hat ausnahmslos schoene gedankenspruenge und spaziergaenge durch die stadt hervorgerufen, mersi dafuer, leider laesst die qualitaet des papiers und auch des satzes eben auch selbige der bild-und textintensionen leiden ...
AntwortenLöschenliebe gruesse aus dd